Für eine libertäre Wirtschaft

Gespräch mit dem Autoren Frédéric Antonini.

FAU: Du hast ein Buch zur libertären Ökonomie veröffentlicht, ein Thema, das tatsächlich viel zu selten zur Sprache kommt. Was hat dich dazu motiviert? 

Meine Hauptmotivation war es, mein Wissen und mein Interesse für Wirtschaft zu nutzen, und so mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Einerseits wollte ich die weit verbreitete Vorstellung widerlegen, dass Libertäre in Bezug auf Wirtschaft wenig bis gar nichts  zu sagen und vorzuschlagen haben, das über die blosse Kritik des Kapitalismus und seiner angeborenen Übel hinausgeht oder tiefer geht als der marxistische Diskurs, der diese Kritik des Kapitalismus dominiert. Dazu kommt, dass sich die libertären Theorien in den letzten Jahrzehnten offenbar auf die politische und soziale Dimension konzentriert haben und die wirtschaftliche Dimension vernachlässigt haben. 

Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass die Libertären im letzten Jahrhundert an der Spitze radikaler wirtschaftlicher (und sozialer) Veränderungen standen, wenn sie die sich ihnen bietenden Gelegenheiten ergriffen. Das belegt, dass es nie ein Desinteresse gab, und diese Überlegungen möchte ich wiederbeleben. Zu dieser „Tradition” zurückzukehren, eine wirtschaftlichen Organisation oder vielmehr Reorganisation zu denken und konkret umzusetzen, mit dem Ziel, menschliche Beziehungen zu schaffen, die sich, soweit dies derzeit möglich ist, den sozialen Verhältnissen der Herrschaft, Ausbeutung und Entfremdung entziehen. Und schlussendlich möchte ich dazu beitragen, allen Menschen, die angesichts des Zustands der heutigen Welt empört sind und sich als Gefangene der Gegenwart fühlen, eine Perspektive für etwas anderes zu bieten, eine andere Gesellschaft und eine andere Wirtschaft, die endlich den sozialen und ökologischen Bedürfnissen entsprechen, eine «greifbare» Vorstellunng und glaubwürdige libertäre Alternative im «Hier und Jetzt».

FAU: Du sprichst vom Guten Leben für alle als Eckstein der libertären Wirtschaft und kommst zum Schluss, dass dieses in einer kapitalistischen Gesellschaft unmöglich ist. Weshalb? 

Wie kann man glauben, dass eine Gesellschaftsform, die durch strukturelle, also intrinsische Ungleichheiten gekennzeichnet ist, die wiederum auf Herrschaftsverhältnissen beruhen (deren Macht wir jeden Tag in so vielen Bereichen deutlich sehen), jemals in der Lage sein wird, jedem ihrer Mitglieder zu ermöglichen, sein Potenzial voll zu entfalten, wenn es dies wünscht? Diese Situation bezeichne ich als Gutes Leben, sowohl individuell als auch kollektiv, da beide voneinander abhängig sind, im Gegensatz zu dem, was uns die egoistischen Verfechter des kapitalistischen Systems glauben machen wollen. Das Gute Leben ist, was sich die meisten menschlichen Gesellschaften bis heute implizit oder offiziell zum Ziel gesetzt haben…   Das Ergebnis ist bekannt… überall auf der Welt, selbst in den Staaten, die ihren Völkern gegenüber politisch, wirtschaftlich und sozial scheinbar am wohlwollendsten sind: diese berühmten „Welfare States“ oder „Sozialstaaten“. Seit fast einem halben Jahrhundert kommt ihre „Fürsorge“ eher der Kapitalist*innen und Mächtigen zugute, mit der Ermutigung und dem Segen der neoliberalen Ökonom*innen. 

Doch nur eine Gesellschaft, die Gleichheit in Freiheit – volle Gleichheit in voller Freiheit – ins Zentrum stellt (wobei das eine ohne das andere nicht möglich ist) kann dieses Versprechen unserer sogenannten demokratischen Gesellschaften erfüllen! In Gesellschaften, die so organisiert sind, dass nicht allen die gleichen Mittel zur Verfügung stehen, kann das Gute Leben, sowohl individuell als auch kollektiv, nur eine Wunschvorstellung bleiben – eine Illusion aber, die für die Aufrechterhaltung der Ungleichheiten notwendig ist.

FAU: Du erwähnst auch die ungerechtfertigte Bereicherung. Dass man am Eigentum selbst etwas verdienen kann – nur schon dadurch, dass man etwas besitzt (Immobilien, Grundbesitz, Produktionsmittel, intellektuelles Eigentum) – hältst du für den grössten Missbrauch von Eigentum. Was für Alternativen schlägst du vor? 

Zunächst möchte ich betonen, dass der Begriff der „ungerechtfertigten”, „unrechtmässigen” Bereicherung kein Hirngespinst von Libertären oder gar Antikapitalist*innen ist, die aus tiefster Überzeugung gegen das Eigentum, oder genauer gesagt gegen bestimmte Formen des Eigentums, sind. Er ist im Recht vieler europäischer Länder oder von Ländern, die (aufgrund des Kolonialismus) eine Verbindung zu Europa hatten, verankert und sein Ursprung ist sehr alt, er stammt aus der Antike. Was ist darunter zu verstehen? Dass Eigentum zu einer Vergütung führen kann, die in keiner Weise legitim und daher an sich inakzeptabel ist. Dass das Eigentum seit dem 19. Jahrhundert zum Heiligtum geworden ist, kam eher zufällig zustande und ist sehr umstritten… Das wird sogar vom Recht unserer Gesellschaften anerkannt, unserer Gesellschaften, in denen das Eigentum durch die Ideologie der herrschenden Klasse zum Totem erhoben wurde.

Natürlich sind die Bedingungen, unter denen Staaten und ihre Justizbehörden eine bestimmte Bereicherung als ungerechtfertigt einstufen, sehr begrenzt. Dennoch! Die Grundlage ist vorhanden. Wir Libertären sollten sie nutzen, um unsere Ablehnung jeder Form der Bereicherung, die nur mit dem Besitz von Eigentumsrechten zusammenhängt, zu begründen. Sie ist eine der strukturellen Ursachen für Ungleichheiten ist, zumindest in wirtschaftlicher, aber auch in sozialer Hinsicht.

Um nun konkret auf eure Frage einzugehen, möchte ich zur Vermeidung von Missverständnissen daran erinnern, dass die Libertären zu keinem Zeitpunkt jede Form von Eigentum in Frage gestellt haben. Was mich betrifft, so möchte ich die folgenden zwei Vorschläge machen: Einerseits kann und darf keine Form von Eigentum an sich lukrativ sein; andererseits ist es notwendig, die verschiedenen Formen des Eigentums unterschiedlich zu betrachten. So dürfen Produktionsmittel, Immobilien, Grundbesitz (Land und Ressourcen) und persönliches Eigentum nicht gleich behandelt werden. So ist beispielsweise denkbar, Übertragungsbeschränkungen und sogar Übertragungsverbote für bestimmte Arten von Eigentum, wie Produktionsmittel und Immobilien, auszusprechen. Der Besitz von landwirtschaftlichen Flächen, Wäldern, Gewässern und unterirdischen Ressourcen ist sollte gar nicht existieren, da es sich um ursprünglich gemeinschaftliche Ressourcen handelt. Wir sollten Eigentum nicht mehr als ideologisch unantastbar ansehen – was ja nicht einmal von den Staaten eingehalten wird – und die damit verbundenen Rechte immer weiter einschränken, da diese zur Aufrechterhaltung wirtschaftlicher Ungleichheiten beitragen. Wie dem auch sei, dies sind nur Vorschläge meinerseits: Sie sollten natürlich ausführlich diskutiert werden. Jedes Projekt kann nur ein kollektiv getragenes Projekt sein. 

FAU: Du sprichst auch über Steuern und Subventionsmechanismen, um gewisse Produktionskosten zu decken. Wie könnten diese organisiert werden? 

Wenn wir an eine nahe, realistische und postkapitalistische Zukunft denken, müssen wir akzeptieren, dass sich in der neuen Gesellschaft nicht alle Menschen gleich schnell entwickeln werden in Bezug auf Werte und wirtschaftliche und soziale Praktiken. Das bedeutet, dass einige bereit sein werden, ohne unmittelbare und direkte Vergütung (in Form von Einkommen) zu arbeiten, viele andere jedoch nicht. Einige libertäre Denker und/oder revolutionäre Syndikalisten haben diese Möglichkeit bereits vor mehr als einem Jahrhundert in Betracht gezogen (um nur einige zu nennen: Fernand Pelloutier oder, etwas später, Errico Malatesta, die sich beide jedoch in wirtschaftlicher Hinsicht als Kommunisten bezeichneten). Wie aber kann man Einkommen für die Arbeitnehmer*innen erwirtschaften und auszahlen, die nicht umsonst arbeiten wollen, wenn es keinen Geldumlauf und keinen (nicht gewinnorientierten) Handel gibt? Dies ist ein wichtiges Problem, das berücksichtigt werden muss: Eine Wirtschaft, die zur unentgeltlichen Arbeit verpflichtet, kommt nicht in Frage… Und selbst wenn wirtschaftliche Gleichheit hergestellt ist, wie könnte man dann nicht in Betracht ziehen, dass die Produktion bestimmter Güter oder Dienstleistungen speziell finanziert werden könnte, um ihre direkten Anschaffungskosten zu senken, wenn sie extrem teuer sind und/oder Dienstleistungen erbringen, die von der Gesellschaft als grundlegend angesehen werden (was heute als Dienstleistungen von allgemeinem Interesse bezeichnet wird)? Und woher soll diese Finanzierung kommen, wenn nicht aus Abgaben auf das von der Gesellschaft geschaffene Vermögen, insbesondere auf die Einkommen?

Aus diesem Grund ziehe ich solche Umverteilungsmechanismen in Betracht, die auf obligatorische Abgaben beruhen. Das Prinzip dieser Abgabgen und ihre Höhe muss aber allgemein akzeptiert sein. Um nicht zu sehr von den Institutionen unserer heutigen Gesellschaften abzuweichen – das ist eines der Ziele des Buches – genügt es, eine Steuerverwaltung zu konzipieren, die sowohl von ihren eigenen Mitarbeitenden verwaltet wird als auch unter der Leitung der Selbstverwaltungsinstanzen der gesamten Gesellschaft arbeitet.

Auf tieferen organisatorischen Ebenen gibt es in Frankreich Unternehmen (aber keine Verwaltungseinheiten…), die – mit den wohlbekannten Problemen – nach demokratischen Entscheidungsprinzipien arbeiten und an denen externe Akteure beteiligt sind: Verbraucherverbände, Umweltverbände, politische Kräfte usw. Es handelt sich um Genossenschaften von kollektivem Interesse (SCIC). Warum sollten sich sogenannte öffentliche Einrichtungen, von Schulen bis hin zu der von uns angesprochenen Steuerbehörde, nicht von dieser allgemeinen Organisationsform inspirieren lassen?

Frédéric Antonin wurde 1969 geboren und studierte Wirtschaftswissenschaften und Politikwissenschaften. Er war in verschiedenen Organisationen aktiv, darunter vor allem in der CNT-F, einer revolutionären und anarchosyndikalistischen Gewerkschaft. Derzeit ist er Professor für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Frankreich.

Frédéric Antonini, Pour une économie libertaire, nada éditions, 2022, Fr. 13.70. Eine deutsche Übersetzung ist in Vorbereitung.