Das Klima der Angst durchbrechen

In den letzten Monaten führte die FAU einen Arbeitskampf gegen massive Missstände in einem Kinderheim. Drei ehemalige Mitarbeiter*innen1 berichten. 

FAU: Du warst die Erste, die sich an die FAU gewandt hat. Was hat dich dazu bewogen?

A: Nach meiner Probezeit änderte sich der Umgang der Vorgesetzten schlagartig. Kritische Fragen zur Pädagogik wurden ignoriert oder abgeblockt. Kolleg*innen kündigten unter Druck, oft ohne Zeugnis. Immer mehr Berichte über Gewalt und Machtmissbrauch gegenüber Kindern und Mitarbeitenden kamen auf. Gespräche waren nicht möglich – Einschüchterung war das Mittel unserer Vorgesetzten.

FAU: Welche Folgen hatte das für euch persönlich?

B: Ich bin von einem Tag auf den anderen ohne Arbeitszeugnis gegangen. Ich fürchtete mich vor den Auswirkungen bei der Stellensuche. Deshalb habe ich diese Stelle bewusst verschwiegen. Im Heim war ich mit der Pädagogik nicht einverstanden und hatte das Gefühl missbräuchlich zu handeln. Ich versuchte ohne Erfolg entgegenzuhalten.  

C: Ich fühlte mich unfähig, gute Arbeit zu leisten, weil es den Vorgesetzten nie Recht war. Ich verlor meinen Status als Erzieherin, weil sie mich vor den Kindern diskreditierten. Jeder Tag war eine Tortur geprägt von Angst und Stress. 

FAU: Sehr schnell schlossen sich uns weitere ehemalige Mitarbeiter*innen des Kinderheims an. Wie habt ihr die Unterstützung erlebt?

A: Es hat mir sehr geholfen. Die unermüdliche Verfügbarkeit unserer Gruppe und ihr Verständnis haben mir das Gefühl gegeben, dass ich richtig handelte. Ich bin immer noch beeindruckt von der Kraft, die eine solidarische Gruppe entfalten kann. Es war sehr aufschlussreich – und beängstigend – zu sehen, wie viele unserer Rechte nicht respektiert wurden – ohne Konsequenzen.

B: Es tat mir gut zu sehen, dass ich nicht allein war und dass es letztendlich nicht nur in meinem Kopf war, dass nicht ich das Problem war, wie man mir glauben machen wollte.

C: Ich verliess die Institution, um ihr zu entkommen, um meines Wohlbefindens willen. Ich war nicht stolz darauf. Ein Jahr später, wurde ich von A. kontaktiert und sagte sofort zu. Die Tatsache, dass nun all diese Missstände angeprangert wurden, hat dazu beigetragen, diese ungesunde und gefährliche institutionelle Praxis ans Licht zu bringen und dafür zu sorgen, dass sie aufhört.

FAU: Wir haben fünf ausführliche Erfahrungsberichte von euch erhalten. Viele betrafen das Wohl der Kinder. Was habt ihr konkret beobachtet?

A: Ungleiche Behandlung, emotionale Erpressung, zahlreiche Entbehrungen, körperliche Übergriffe sowie Verletzungen der psychischen Integrität durch unangemessene „Erziehungspraktiken” und grobe Versäumnisse hinsichtlich der Verhaltensauffälligkeiten, die bei den jüngsten Kindern auftreten. Vor allem gab es keine unabhängige externe Stelle, um zu überprüfen, wie es diesen Kindern geht! 

C: Auch bei den Kindern hat sich ein Klima der Angst breitgemacht. Was mir auffiel, war die Nachlässigkeit im Alltag. Ich kümmerte mich um drei Kleinkinder (etwa zwei Jahre alt) und musste mit ihnen steile Treppen hinuntergehen. Ich hatte Angst, dass sie ausrutschen könnten. Ich habe diese Angst gegenüber den Verantwortlichen geäussert. Einer von ihnen lachte und sagte mir, ich solle zwei tragen und eines mit meinem Oberschenkel festhalten, damit es nicht nach vorne fällt. Es gab auch einen Fall gegenüber einem Jugendlichen, den sie ständig bei den Mahlzeiten herabwürdigten. Dieser wurde oft ohne triftigen Grund bestraft und in seinem Zimmer isoliert, einmal sogar mehrere Tage lang. Er durfte nur herauskommen, um seine Mahlzeiten zu holen, um danach allein in seinem Zimmer zu essen. Ein weiteres Beispiel: Ein Kleinkind hat seinen Kopf auf den Boden geschlagen, um seine Frustration zu zeigen. Die Anweisung der Verantwortlichen lautete, dies zu ignorieren, da es dies nur tat, um Aufmerksamkeit zu erregen, und man daher nichts unternehmen sollte.

FAU: Wie reagierte der Vorstand der Institution auf eure Vorwürfe?

A: Ihre ersten Reaktionen waren Feindseligkeit, sie schienen von den Vorwürfen völlig überrascht zu sein, sowohl was die Misshandlung von Kindern als auch die schwerwiegenden Versäumnisse in Bezug auf die Führung, den Respekt und den Schutz der Mitarbeitenden betraf. Der E-Mail-Austausch blieb bedrohlich und defensiv. Wir sind jedoch standhaft geblieben und haben viele fundierte Argumente vorgebracht. Unsere Forderungen waren klar und wir haben Geduld bewiesen, obwohl die Fristen absurd erschienen, wenn es um die Meldung von Misshandlungen in einem Kinderheim geht! Schliesslich zeigten die Vorstandsmitglieder Verständnis und führten wesentliche Änderungen durch, wie die Überarbeitung der Personalordnung, die Einstellung von Nachtwächter*innen, die Hinzuziehung externer Personen, um den Beschäftigten und Kindern zuzuhören, und schliesslich die Erklärung der Abschaffung einer unangemessenen und missbräuchlichen Erziehungsmethode (Freiheitsentzug von mehr als 24 Stunden!), die uns die Leitung des Heims ohne entsprechende Schulung auferlegt hatte. 

C: Was mir in Erinnerung geblieben ist, ist, dass die Mitglieder des Vorstandes beim ersten Treffen von nichts wussten. Sie waren schockiert und haben uns zu verstehen gegeben, dass sie die Schwere der Situation verkannt hätten. Bei unserem E-Mail-Austausch hatten wir dann den Eindruck, dass sie ihre Interessen schützen wollten und dass ihre Hauptsorge darin bestand, dass die Sache nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Das hat mich enttäuscht. 

FAU: Welche Rolle spielt Gewerkschaftsarbeit langfristig?

A: Wir hoffen, dass die Menschen, die in diesem Heim leben und arbeiten, sich dank einer engen Zusammenarbeit mit der FAU sicher fühlen und entfalten können. Die Mitarbeitenden und Verantwortlichen müssen ihre Rechte und Pflichten kennen. Es steht für mich fest, dass die Leitung ausgewechselt werden muss, denn ihre Kompetenzen entsprechen weder den Verantwortlichkeiten noch dem Gehalt einer Führungsposition.

C: Ich denke, dass die Gewerkschaftsarbeit es den Mitarbeitenden des Heims ermöglichen wird, für gute pädagogische Praktiken und ein gutes Arbeitsumfeld zu sorgen. Die Mitarbeitenden werden ihre Rechte besser kennen und sich daher trauen, sich selbst und die Unversehrtheit der Kinder zu verteidigen, wenn sich Ereignisse wie die, die wir erlebt haben, wiederholen sollten.

FAU: Fast alle von euch haben eine neue Stelle gefunden. Wie wirkt die Erfahrung bis heute nach?

A: Monatelang hatte ich fast jede Nacht Alpträume davon. Ich habe lange gebraucht, um wieder Vertrauen in meine Fähigkeiten und mich selbst zu gewinnen. Zum Glück ist mein neuer Arbeitsplatz wohlwollend, wertschätzend und dankbar. 

B: Grosse Wut und ein Verlust des Vertrauens in meine Fähigkeiten. Ich habe einen Arbeitgeber gefunden, der mir als Mensch vertraut und mir erlaubt, meine Meinung frei zu äussern.

C: Die Unterstützung der FAU und der „Kampf”, den wir alle geführt haben, um diesen schwerwiegenden Praktiken ein Ende zu setzen, haben mir Kraft gegeben. Ich sage mir jetzt, dass ich so etwas nie wieder zulassen werde. Ich weiss jetzt auch, an wen ich mich wenden kann, wenn ich das Gefühl habe, dass mein Arbeitsumfeld nicht gut ist. 

FAU: Wie habt ihr die Zusammenarbeit mit der FAU erlebt?

A: Ich verstehe, warum man einer Gewerkschaft beitreten soll, und für all die Zeit, die uns die FAU gewährt hat, ist das das Mindeste, was ich tun kann. Manchmal habe ich einen gewissen Druck verspürt, andere zum Beitritt zu bewegen, obwohl dieser Kampf den Beteiligten bereits viel Mut abverlangt hat.2

B: Als ich der FAU beitrat, war ich wütend, ich glaube, ich brauchte vor allem Personen, die mir zuhörten. Ich bin sehr froh über das grosse Engagement und die Zeit, die die Gewerkschaft investiert hat. Seit meinem Weggang sind weitere Kolleg*innen gegangen. Aber einige Mitarbeiter*innen wurden angehört und haben es gewagt, Missstände anzuprangern, ohne zu kündigen, und das ist ein grosser Erfolg.

C: Ich habe ein aufrichtiges und sehr motiviertes Engagement gespürt. Das hat mir gutgetan und ich habe mich verstanden und unterstützt gefühlt. Die Motivation der FAU war ungebrochen und ich glaube, dass wir ohne die Unterstützung der FAU, die uns die Kraft gegeben hat, uns nicht unterkriegen zu lassen, niemals so weit gekommen wären.

Ergänzung der FAU-Rechtsberatung

In dieser Einrichtung herrschte ein Klima der Angst, das wir bei allen unseren Gesprächen gespürt haben und das durch die Abschottung der Einrichtung gegenüber jeglichem Kontakt nach aussen noch verstärkt wurde. Die Beschäftigten kannten ihre Rechte nicht, insbesondere ihr Recht auf Information, Organisation und gewerkschaftliche Vertretung. Infolgedessen

– durften die Beschäftigten keinen Kontakt zu Kolleg*innen aus anderen Häusern derselben Stiftung aufnehmen.

– erhielten sie nicht alle grundlegenden Unterlagen zum Arbeitsvertrag – Personalordnung, Gehaltsskala – und kannten daher ihre Rechte nur unzureichend.

– erhielten sie keine Protokolle der Beurteilungsgespräche.

– eine in der Institution beschäftigte junge Frau hatte einen Au-pair-Arbeitsvertrag, ohne jedoch die Arbeitsbedingungen eines Au-pairs zu geniessen.

Darüber hinaus enthielten die Personalvorschriften Punkte, die gegen das Arbeitsrecht verstiessen:

– Streichung der im Kalenderjahr nicht genommenen Urlaubstage. Die Verjährungsfrist für Urlaubstage beträgt jedoch 5 Jahre.

– 5 Tage Vaterschaftsurlaub statt des gesetzlichen Anspruchs auf mindestens 10 Tage.

– Anspruch auf Urlaubstage bei Krankheit eines eigenen Kindes.

– Nur teilweise Verlängerung der Entschädigungsdauer bei teilweiser Arbeitsunfähigkeit. Gemäss dem KVG muss die Entschädigungsdauer bei teilweiser Arbeitsunfähigkeit verlängert werden.

Das Engagement der FAU ist noch nicht beendet: Das Ziel ist die Information der Angestellten und falls erforderlich, der Öffentlichkeit und der verantwortlichen Behörden. 

Die FAU wurde auf Wunsch der ehemaligen Mitarbeiter*innen tätig, und nicht, um ihre eigenen Interessen zu vertreten. Das so gewonnene Vertrauen ist die notwendige Grundlage, um das Wissen und die Solidarität unter den Arbeitenden zu erweitern und für würdige und gute Arbeitsbedingungen für alle zu sorgen. Von daher bleiben wir mit den Arbeitgebenden in Kontakt und versuchen auch die aktuellen Angestellten zu organisieren, mit dem Ziel, allenfalls einen GAV für die Institution auszuhandeln. 

Die Namen der ehemaligen Angestellten sowie der betroffenen Institution sind vollständig anonymisiert aus Schutz vor rechtlichen Folgen. 

Als Lokalsyndikat haben wir beschlossen nur bei einer FAU-Mitgliedschaft rechtliche Beratung zu leisten.